Sonderausgabe Blogletter zum Thema COVID-19 und Schilddrüse (27.11.2021) 

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogletters, 

aus Anlass der dramatischen Entwicklung der Corona-Pandemie auch in Bayern habe ich eine Recherche zum Thema COVID-19 und Schilddrüse durchgeführt. Während bei meiner letzten Literaturstudie noch keine schlüssigen Erkenntnisse zu dem Zusammenhang zwischen dem Coronavirus und Schilddrüsenfunktion bzw. Schilddrüsenerkrankungen zu finden waren, bin ich ganz aktuell auf eine ganze Reihe sorgfältig durchgeführter Studien zu diesem brennend aktuellen Wissensgebiet gestoßen. Ich möchte dieses Wissen mit Ihnen teilen. 

Nun ist klar: das Coronavirus wirkt ganz direkt auf die Schilddrüse und wohl auch auf die Hypophyse, das zentrale Organ für die Steuerung der Funktion von Schilddrüse, Nebennierenrinde und der Geschlechtsorgane. Grundlage hierfür ist das Vorkommen von Angiotensin Converting Enzyme 2 in der Schilddrüse. Dieses ist wesentlich beteiligt beim Acute Respiratory Distress Syndrome, der akuten Atemwegsproblematik bei COVID-19 Patienten. 

Eine Forschergruppe des Imperial College, London/UK fand heraus, dass COVID-19-Erkrankte mit leichtem bis mittelschwerem Verlauf bei Krankenhausaufnahme im Mittel etwas niedrigere Werte von FT4 und TSH, zwei wichtigen Schilddrüsenlaborparametern, hatten. Diese Laborwerte normalisierten nach Gesundung. Wichtig festzuhalten ist, dass in dieser Studie ca. 90% der COVID-19 Pat. zum Aufnahmezeitpunkt eine normale Schilddrüsenfunktion (Euthyreose) hatten. 

Die Ungarn Gabor Speer und Peter Somogyi setzten sich noch umfassender mit der Problematik aus-einander und kämmten die vorhandene Literatur auch hinsichtlich vorangegangener Epidemien mit SARS-Viren durch. Sie schauten systematisch die Beeinflussung verschiedener Schilddrüsenerkrankungen durch Viren der SARS-Gruppe an. Erstaunliches kam dabei heraus. 

Nur die wichtigsten Punkte: 

Eine Schilddrüsen-Dysfunktion verschlechterte die Prognose von COVID-19-Erkrankten im Zusammenhang mit dem akuten Atemwegs-Syndrom; bei ca. 7% der genesenen SARS-Patienten war eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) festzustellen; T3, T4 und TSH waren bei Betroffenen erniedrigt (T3-T4-Niedrig-Syndrom, „Low T3-Syndrome“). 

Es gibt deutliche Hinweise, dass SARS-Viren (u.a. auch das Coronavirus) zu einem primären Schaden an der Schilddrüse führen können und u.a. eine subakute Thyreoiditis (Schilddrüsenentzündung) und auch eine Autoimmunthyreoiditis (z.B. Hashimoto) auslösen können. 

Eine Gruppe von Wissenschaftlern um David Tak Wai Lui wies nach, dass ca. 15% der COVID-19-Pati-enten eine Schilddrüsendysfunktion hatten. Interessanterweise stellte sich auch heraus, dass ein Zusammenhang zwischen T3, dem funktionell bedeutsamsten Schilddrüsenhormon, und COVID-19 be-steht: je schwerer COVID-19, desto niedriger das T3. 

Die schon erwähnten Autoren Speer und Somogyi empfehlen ausdrücklich, dass bei COVID-19-Patien-ten die Schilddrüsenfunktion überprüft werden sollte. Dies scheint mir unbedingt sinnvoll. 

Verfasser: Dr. Wolfgang Braun, www.schilddruesenpraxis-augsburg.de 

Hinweis: eine kommerzielle Verwertung dieser Inhalte ist nicht gestattet. Eine Weitergabe der Informationen ist unter Angabe des Autors erlaubt. 

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