Blogletter November/Dezember 2021

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogletters, 

die Themen gehen mir nie aus, und ich hoffe, dass für Alle etwas dabei ist. 

Schilddrüse und Energiehaushalt 

Es ist draußen in unseren Gegenden nicht nur herbstlich, sondern fast schon winterlich: in der untersten Leiste meines Computers wird gerade 1 Grad Celsius angezeigt. Da bietet es sich an, auf eine der Hauptaufgaben der Schilddrüse einzugehen. Dieses kleine, schmetterlingsförmige, im Normalfall ca. 20 g schwere Organ ist nämlich für den Energiehaushalt zuständig. Ein Mehr an Schilddrüsenhormonen kann zu Schwitzen und Wärmegefühl führen, bei der Unterfunktion der Schilddrüse, wenn diese zu wenig Hormon produziert, ist gar nicht selten mit einem Kältegefühl verbunden. 

Wenn das Symptom Kältegefühl im Vordergrund steht, verordne ich gerne ein Schilddrüsenhormonpräparat, das T3 enthält, da T3 hinsichtlich der körpereigenen Wärmeproduktion 50mal so effektiv ist wie T4. 

Zur Erinnerung: das Schilddrüsenhormon T4, das vier Iodatome enthält, muss, damit es so richtig wirkt, in T3 umgewandelt werden. Dies funktioniert nicht in allen Fällen gleich gut: bei manchen Personen muss nachgeholfen werden, damit die Wärmeregulation des Körpers klappt. 

Kommt Ihnen das mit dem Frieren bekannt vor? Da bietet es sich an, einen Termin in meiner Sprechstunde zu vereinbaren unter Tel. 0821-151085 oder gleich online über Doctolib. (Gesetzlich Kranken-versicherte bringen bitte einen aktuellen gültigen Überweisungsschein für die Fachrichtung Nuklearmedizin mit. Danke! 

Zink unterschätzt, Selen überschätzt 

Selen (betont wird auf der zweiten Silbe, also Seleen, nicht: Selen) – also: Selen hat ein bemerkenswert gutes Image; oft werde ich gefragt: soll/darf/kann ich Selen einnehmen?. Davon abgesehen, dass es insgesamt wenige Studien zur Wirksamkeit von Selen bei Schilddrüsenerkrankungen gibt, existiert in der Fläche praktisch kein Mangel an Selen bei der bundesdeutschen Bevölkerung. Meine Antwort lautet stets, dass es für Selen keinen erwiesenen Zusatznutzen gibt, dass aber, wenn ein zu hoher Selengehalt im Serum (was durchaus vorkommt) zuvor ausgeschlossen wurde, nichts gegen die Einnahme von Selen spricht. 

Bei einer Recherche in der weltweit größten medizinischen Datenbank bin ich jedoch vor wenigen Tagen auf eine placebokontrollierte Studie gestoßen, in der gezeigt wurde, dass bei übergewichtigen Patientinnen mit Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) Zink zu einem Anstieg von FT4 und einem Abfall des TSH, also einer laborchemischen Besserung der Unterfunktion der Schilddrüse geführt hatte, während dies bei der Gruppe, die Selen eingenommen hatte, nicht der Fall war. Ich werde nun bei Hypothyreosepatientinnen häufiger Zink verordnen. 

Mythos Vitamin K 

Das bekannte Sprichwort „Papier ist geduldig“ möchte ich aufs Laufende bringen, indem ich formuliere: „Das Internet ist noch geduldiger als Papier“. Vor allem ist es um ein Vielfaches breitenwirksamer. Was einmal im Internet steht, ist nur mit Mühe daraus zu entfernen. Bereits vor mehreren Jahren – den genauen Zeitpunkt kann ich nicht angeben – ist mir aufgefallen, dass jemand empfohlen hatte, 

zu Vitamin D auch Vitamin K einzunehmen, damit das D-Vitamin besser aufgenommen werde. Dazu sei Sauerkraut besonders geeignet. Gerade in letzter Zeit wird mir immer häufiger die Frage gestellt, ob dem so sei. Ich habe in der weltweit größten medizinischen Datenbank nachgesehen und keinen Beleg dafür gefunden, dass zur Resorption und Verwertung von Vitamin D die zusätzliche Einnahme von Vitamin k erforderlich sei. Merkwürdig ist nur, dass ein sehr großer Internethändler Vitamin D mit Vitamin-K-Zusatz verkauft. Sollten also rein merkantile Interessen dahinterstecken? (Jeder/jede möge sich sein/ihr Teil denken.) In einer seriösen Quelle habe ich allerdings gefunden, dass Vitamin K die Knochenstabilität fördert und auch einen Anti-Aging-Effekt hat. 

Kinderwunsch und Schilddrüse 

Zum Abschluss noch die nachdenklich stimmende Mitteilung einer Patientin, die mich neulich in meiner Sprechstunde aufgesucht hat. Diese Dame hatte sechs Fehlgeburten hinter sich, als sie sich entschloss, eine Kinderwunschpraxis in einer süddeutschen Millionenstadt aufzusuchen. Der dortige be-handelnde Arzt stellte (endlich) fest, sie habe eine Schilddrüsenerkrankung. Diagnose ja, Behandlung nein. Sie verlor auch das sechste im Werden begriffene Kind. Mittlerweile hat sie die Vierzig deutlich überschritten und ihren Kinderwunsch begraben. So weit muss es nicht kommen. 

„Amerika, du hast es besser“ (J.W. v. Goethe). Bereits 2002 wurde von der Amerikanischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie empfohlen, bereits bei vorhandenem Kinderwunsch oder in der Frühschwangerschaft eine Schilddrüsenabklärung durchzuführen. Dies kann ich nur unterstreichen. Wenn Sie, die Sie diese Zeilen lesen, in der Familienplanung sind, biete ich gerne an, telefonisch unter 0821-151085 oder online über Doctolib einen Termin in meiner Schilddrüsensprechstunde zu vereinbaren. 

Das war‘s für heute. Eine gute Zeit, und bis zum nächsten Mal! 

Ihr Dr. Wolfgang Braun 

P.S.: unsere Praxis ist so organisiert, dass Schwangere auf keinen Fall einer Strahlung ausgesetzt sind 

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