Blogletter Mai/Juni 2021

Die Nebenschilddrüse – keine Nebensache

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogletters,

aus aktuellem Anlass habe ich mich entschlossen, diese Ausgabe meines Blogletters dem Thema Nebenschilddrüse zu widmen: die Uni Mainz hat uns ausgewählt, an einer Studie zur Lebensqualität der Patientinnen und Patienten mit einer Unterfunktion der Nebenschilddrüse (Hypoparathyreoidismus) teilzunehmen. Einige meiner Patientinnen und Patienten haben schon den entsprechenden Fragebogen in der Sprechstunde überreicht bekommen.

im Laufe meines langen Berufslebens habe ich festgestellt, dass viele Patientinnen und Patienten gar nicht wissen, dass sie eine Schilddrüse haben, wo dieses Organ liegt und was es für Aufgaben hat. Mal ehrlich – wer von Ihnen, die Sie jetzt diese Zeilen lesen, hat schon einmal von der Nebenschilddrüse, genauer gesprochen von den Nebenschilddrüsen gehört?

Schon die Bezeichnung „Nebenschilddrüsen“ trifft es nicht ganz: diese kleinen, ca. reiskorngroßen Organe liegen in Wirklichkeit an der Rückseite der Schilddrüse, also hinter der Schilddrüse. Bei kaum einem anderen Organ des Menschen gibt es wohl eine größere Variabilität hinsichtlich der Anzahl und der Lage dieser Hormondrüsen. Der „Normalfall“, also der häufigste Fall ist es, dass vier Nebenschilddrüsen vorhanden sind, zwei links und zwei rechts und dass diese, wie schon erwähnt, an der Rückfläche der Schilddrüse liegen. Sie können aber auch im Thymus liegen und sich in den Brustraum bis auf Herzhöhe erstrecken.

Dies, zusammen mit der geringen Größe und dem nur geringen optischen Unterschied zur umgebenden Schilddrüse macht, dass die Nebenschilddrüsen selbst für erfahrene Chirurgen, wenn es denn zur Operation kommt, schwer (und manchmal auch nicht vollständig) aufzufinden sind. Dadurch kommt es nicht selten zu Widerholungseingriffen (manchmal werden die betroffenen bis zu sechs oder siebenmal operiert!)

Der medizinische Fortschritt, der allenthalben mit Händen zu greifen ist, hat sich sowohl bei der Diagnostik als auch bei der chirurgischen Therapie und der medikamentösen Behandlung bemerkbar gemacht. Und: er kommt in unserem Lande Allen, unabhängig vom Versicherungsstatus zugute. Dafür sollten wir dankbar sein.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, werden Sie sich fragen: wofür sind denn überhaupt die Nebenschilddrüsen da? Nun, ihre Aufgabe ist es, ein spezielles Hormon zu produzieren, das Parathormon. Dieses bewirkt eine Erhöhung des Kalziums im Blut. Hält dieser Zustand länger an, kommt es u.a. zur Freisetzung von Kalzium aus den Knochen und zur Bildung von Nierensteinen. Es besteht auch ein erhöhtes Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen sowie Bluthochdruck. Ich bin hier bereits bei der Schilderung eines Überfunktionszustandes der Nebenschilddrüsen (Hyperparathyreoidismus). Ich will mich hier auf den sogenannten primären Hyperparathyreoidismus beschränken (Abkürzung: pHPT). Dieser kommt durch Vergrößerung (und Funktionssteigerung) einer oder mehrerer Nebenschilddrüsen zustande. (Nebenschilddrüsenadenom). In 85% der Fälle ist eine Nebenschilddrüse betroffen, in 15% der Fälle mehrere Nebenschilddrüsen.
Folgende Beschwerden können bei einem Überfunktionszustand der Nebenschilddrüsen auftreten: im Anfangsstadium eher unspezifische Symptome wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Angstgefühl, Gereiztheit, depressive Verstimmung, Interesselosigkeit bis hin zur Teilnahmslosigkeit, Konzentrationsschwäche, Merkstörungen, Gewichtsabnahme, Hauttrockenheit. (Es gibt eine Überlappung der Symptome mit der Unterfunktion der Schilddrüse, der Hypothyreose. Deshalb sollte eine genaue Abklärung erfolgen.) Bei längerem Bestehen kommt es zu Knochenschmerzen, Nierensteinen, Übelkeit, Erbrechen, Gallensteinbildung, vermehrtem Durstgefühl mit Erhöhung der Trinkmenge oder Steigerung der Harnausscheidung.

Wie bei Hormondrüsen üblich, gibt es auch bei den Nebenschilddrüsen nicht nur Über-, sondern auch Unterfunktionszustände (Hypoparathyreoidismus). Eine Unterfunktion der Nebenschilddrüsen kommt am häufigsten nach operativen Eingriffen an der Schilddrüse oder Nebenschilddrüse, aber auch nach tumorchirurgischen Eingriffen am Hals, selten nach einer Strahlentherapie der Halsgegend vor; sehr selten auch im Rahmen einer Autoimmunerkrankung (Polyglanduläres Autoimmunsyndrom).

Das Beschwerdebild bei einem Unterfunktionszustand der Nebenschilddrüsen kommt durch den dabei bestehenden Kalziummangel im Blut zustande; es ist gekennzeichnet durch Angstgefühl, Beklemmungszustände, Kribbeln und taubes Gefühl um den Mund, in den Fingerspitzen und an den Füssen, Ameisenlaufen sowie Pfötchenstellung der Hände und führt in ausgeprägten Fällen oder bei akuter Zuspitzung der Situation immer wieder zu Notarzteinsätzen.

Viele Patientinnen und Patienten, die an der Schilddrüse operiert wurden, leiden an dem als Komplikation in ca. 1-2% der Fälle auftretenden Unterfunktionszustand der Nebenschilddrüse mehr als an den Folgen des Verlustes an Schilddrüsengewebe. Zur Einstellung des Kalziumstoffwechsels bei einem Hypoparathyreoidismus gehört viel Erfahrung, die Sie bei mir voraussetzen dürfen. Ich konnte schon Vielen helfen, die häufig eine längere Odyssee hinter sich hatten.

Wenn Sie, die Sie diese Zeilen lesen, betroffen sind und sich nicht optimal eingestellt fühlen, melden Sie sich doch gleich telefonisch in meiner Sprechstunde an unter der Telefonnummer 0821-151085.

Selbstverständlich stehen nach wie vor die Erkrankungen der Schilddrüse im Zentrum meines Bemühens; die Befassung mit Nebenschilddrüsenthemen ergibt sich ganz von selbst durch die enge nachbarschaftliche Beziehung zwischen den beiden Organen und natürlich durch die Betreuung von operierten Strumapatienten, bei denen die Nebenschilddrüsen in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Vor wenigen Tagen berichtete mir eine Patientin, die aus einem weit entfernten Teil Niederbayerns angereist war, dass Sie etwas Interessantes in einem meiner Blogletter gelesen habe. Ich würde mich über mehr Rückmeldungen freuen!

Vielen Dank für die Zeit, die Sie der Lektüre dieses Blogletters gewidmet haben!

Bis zum nächsten Mal!

Es grüßt Sie

Dr. Wolfgang Braun

Buchtipp:
Helmut Thielicke „Zu Gast auf einem schönen Stern“, Neuauflage Piper, München 1998
ISBN 3-492-22377-X

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